Meine Schlüsselmomente

Ich schreibe heute meinen Tag 144 ohne Rückfall. Seit 144 Tagen lasse ich es einfach. Dass das alles andere als „einfach ist“, weiß jeder, der an einer Essstörung leidet. Allerdings habe ich einen Weg gefunden, der es mir unglaublich erleichtert. Ich kann leider nicht versichern, dass dies ein Weg ist, der jeder/m Betroffenen helfen kann, denn auch ich musste lange rumprobieren, bis ich den für mich richtigen gefunden habe.

Geholfen haben mir dabei zwei „Schlüsselmomente“. Der erste war am 15.März 2017. Ich saß nach meinem letzten Arbeitstag in der Bahn, hatte nichts zu essen dabei und hätte mir auch in der nächsten Stunde nichts holen können, spürte, wie sich der Drang nach Essen bemerkbar machte und entschied mich dafür, die Zeit zu nutzen, um mich zu fragen, „was fühlst du gerade wirklich“.

Ich war zu diesem Zeitpunkt seit etwa 4 Monaten in Therapie und wusste daher, zumindest in der Theorie, dass ich fraß, um mich nicht mit meinen Gefühlen auseinandersetzen zu müssen. Bzw. war dies mein Weg um meine Gefühle zu bewältigen. Kein ziemlich guter, offensichtlich.

Also wie schon gesagt, ich saß ja quasi in der Bahn fest, Essen war jetzt keine Option. Also entschied ich mich dafür, mich nicht den Gedanken an meine spätere Fressorgie hinzugeben, sondern wirklich zu hinterfragen wieso dieser Drang gerade jetzt, in diesem Moment, auftaucht.

Mir wurde klar: ich bin gerade traurig. Ich hatte wirklich viel Spaß gehabt, da ich mich mit den Kollegen super gut verstanden habe und auch total offen sein konnte. Ich mochte mich in der Gegenwart dieser Menschen, hatte eine wirklich schöne Zeit mit ihnen. Und nun würde ich sie nicht mehr wieder sehen. Bäm. Ich glaube das war das erste mal seit etwa 2 1/2 Jahren, dass ich meine Gefühle so genau benennen konnte. So, und was tut man wenn man traurig ist? Ich habe dann beschlossen, mich heute in diese Traurigkeit hineinzusteigern und mich nochmal an die schönen Momente zu erinnern. Ich merkte dann schnell, dass meine Augen leicht feucht wurden und ich hätte weinen können. Das habe ich in der Bahn jetzt gelassen, aber allein die Tatsache, dass ich es konnte war ein Triumph. Ich ließ endlich mal wieder Gefühle zu.

Wenn man das so liest, denkt man vielleicht. Toll, Gefühle zulassen, erzähl mir was Neues. Ich glaube aber, dass es nicht um die Information geht, sondern darum, sie wirklich mal zu verinnerlichen. Dass ich fraß und kotzte, um mit meinen Gefühlen umzugehen, wusste ich lange genug. Geändert hat das nichts. Erst, als ich es wirklich selbst gespürt habe, hat es in mir etwas bewirkt.

Ich weiß auch nicht, ob diese Information jemandem hilft, denn wie schon erwähnt, war ich „eingesperrt“. Es war eine Situation, in der ich weniger Kontrolle hatte, als wenn ich zu Hause oder in der Stadt gewesen wäre. Das einzige, was ich zu kontrollieren hatte, waren meine Gedanken. Nicht auch noch meinen Körper, der zu Hause wahrscheinlich wie selbstständig zum Kühlschrank gegangen wäre und mir dieses Gedankenspiel gar nicht ermöglicht hätte.

Jedenfalls hatte ich an diesem Abend keinen Ess-Brech-Anfall mehr und auch die folgenden 3 Wochen nicht. Auch danach nicht, denn seit diesem Tag hatte ich keinen Rückfall. Allerdings habe ich 3 Wochen später ein Buch gelesen, das mir ebenfalls sehr geholfen hat und ohne das mir wahrscheinlich auch die Sache mit der Gefühlsbewältigung nicht mehr lange gereicht hätte, um nicht rückfällig zu werden.

Lizenz zum Essen von Gunter Frank. Ich habe dieses Buch eingeatmet.
Man muss dazu wissen, dass ich mir über die Jahre eine Essensparanoia angeeignet hatte. Ich war bezüglich Essen weniger besessen von Kalorien, als von gesundheitlichen Auswirkungen, von denen man heutzutage ja täglich mehr als genug aufgezeigt bekommt. Zucker und Weißmehl machen krank, von Milchprodukten bekommt man Pickel und Osteoporose, von Fleisch Darmkrebs und und und. Dieses Buch hat mir geholfen zu verstehen, dass das alles Bullshit ist. Dass eigentlich niemand so genau weiß, was sich langfristig wie auf den Körper auswirkt und dass es in der Ernährungswissenschaft ganz viele Widersprüche gibt.

Man sollte nicht unkritisch an dieses Buch herangehen, denn meiner Meinung nach, wird die Bedeutung von Bewegung ganz schön runtergespielt, aber die Kernaussagen des Buches haben mich echt befreit.
Ich glaube was mir am besten gefallen hat, war dass der Autor so eine richtige Anti-Diät-Einstellung vertreten hat und total viele große Studien einfach widerlegt hat.

Jedenfalls hat es mir extrem gut dabei geholfen, Frieden mit dem Essen zu schließen und mir nicht mehr von irgendwelchen neuen Erkenntnissen Angst vor meinem Essen machen zu lassen.
Ich kann hier zwar normalerweise nur für mich sprechen, aber eine Freundin von mir, die an Anorexie leidet, ist ebenfalls ziemlich begeistert. Also, klare Buchempfehlung!

 

Berichtet mir gerne von euren Schlüsselmomenten 🙂

Verhaltenstherapie bei Bulimie

Ich habe mich für eine Therapie entschieden, als ich schon etwa 2 Jahre essgestört war. Erst da konnte ich einsehen, dass ich es alleine nicht schaffe, denn zu dem Zeitpunkt hatte ich schon Phasen hinter mir, in denen ich teilweise 3 Wochen keine Essanfälle hatte und dachte, ich sei „geheilt“. Vielleicht klingt das lächerlich, aber wenn man in schlimmen Phasen schon Schwierigkeiten hat, einen einzigen Tag ohne Essanfall durchzuhalten, dann fühlt man sich nach 3 Wochen schon wirklich weit entfernt von der Krankheit.

Ok, zurück zum Thema. Therapie. Als ich an dem Punkt angekommen war, wollte ich auch so schnell wie möglich einen Therapeuten finden und hab einfach ein paar angerufen, bis ich einen Termin bekommen habe. Best. Decision. Ever. Wirklich. Ich kann es wirklich nur jedem empfehlen. Wenn ihr nur einmal darüber nachgedacht habt, euch vielleicht Hilfe zu holen, macht es. Ich habe das erste mal darüber nachgedacht, als ich gerade 2 Monate „Probleme“ hatte. Hätte ich mir die Hilfe schon damals geholt, wäre mir wohl viel erspart geblieben. Im Nachhinein denke ich zwar, dass das alles schon so seine Richtigkeit hat, dass ich da durch musste und alles, denn ich nehme aus dieser Zeit auch super viel mit, aber schön war es nicht.

Anfangs ging es bei der Therapie darum, zu analysieren, in welchen Situationen Essanfälle auftreten und dann zu schauen, wie ich dem vorbeugen kann, bzw. was ich tun kann, wenn der Reiz mich wieder „überflutet“. Das war teilweise echt müßig und langweilig, denn manchmal hat es sich einfach angefühlt, wie ein Rätselraten, aber im Nachhinein, hat es mir unglaublich viel gebracht und ich habe echt viel über meine Bedürfnisse gelernt.

Nebenbei musste ich Ernährungsprotokolle schreiben, um irgendwie Struktur in meine Essensroutine zu bekommen und zu schauen, welche Emotionen ich mit dem Essen verbinde. Auch das war alles andere als spaßig, und im Endeffekt habe ich beschlossen, dass Essensprotokolle für mich persönlich nicht zielführend sind, jedoch bezweifle ich nicht, dass sie anderen helfen können.

Mit den Erkenntnissen, die ich über meine Bedürfnisse und ihre adäquate Erfüllung gewonnen hatte, habe ich es nach einiger Zeit geschafft, mein Essverhalten zu stabilisieren und Essanfällen vorzubeugen, indem ich mir bewusst Zeit für mich genommen habe.

Langsam kam ich also an den Punkt, an dem wie auch über andere Probleme reden konnten. Mir ist bewusst geworden, welch großen Faktor meine Familie bei der Entstehung und während des Verlaufs gespielt hat. Ich möchte hier niemandem explizit die Schuld geben, dafür ist so eine Essstörung einfach zu komplex und dafür ist unsere Gesellschaft auch einfach allgemein viel zu wenig informiert, aber ich möchte nicht bestreiten, dass meine Familie in so einigen Situationen nicht so reagiert hat, wie es für meinen Heilungsprozess förderlich gewesen wäre. Darüber werde ich vermutlich einen extra-Blogpost verfassen.

Meine Familie spielt also auch eine zentrale Rolle in der ganzen Sache. Daher habe ich meinen Vater mal zu einer Sitzung mitgenommen und ein Gespräch mit meiner Mutter steht an. Einfach war das nicht. Und ich würde auch nicht sagen, dass es danach besser geworden ist. Eher wird mir momentan bewusst, dass meine Eltern, was das Thema angeht, nicht die Unterstützer sind, die ich brauche. Aber auch das hat seine positive Seite. Denn da ich weiß, dass sie, böse gesagt, keine Ahnung haben, fällt es mir viel leichter, das, was sie sagen nicht so ernst zu nehmen und auf meine „Weisheit“ zu vertrauen.

Das war’s eigentlich auch schon zur Therapie, wenn ihr diesbezüglich Fragen habt, schreibt mir gerne.

PS: Ich bin mittlerweile 4 Monate Essanfall-frei, falls das von Interesse ist 🙂

Wie alles begann

Traurigerweise kann ich nicht sagen, wann es bei mir angefangen hat, dass ich unzufrieden mit meinem Körper war. In meiner Familie war ich immer die, die im Gegensatz zu meinen Cousins und Cousinen gerne gegessen hat. Ich war keineswegs dick, hatte halt ein kleines Bäuchlein, aber das wars auch. Irgendwie hatte ich aber immer den Status des kleinen Dickerchens. Ich erinnere mich daran, meine ersten „Diäten“ mit 8 oder so gehalten zu haben. Hab mich dann mal einen Tag nur von Zwieback ernährt und mich dann ganz euphorisch auf die Waage gestellt, um zu sehen, ob ich schon was abgenommen habe. Diese Unzufriedenheit mit meinem Körper hat sich bis ich ca. 15 war etwas gelegt, da ich gewachsen bin und sich meine Figur gestreckt hat. Das bekam ich auch aus meinem Umfeld zu hören und fühlte mich gut.

Kurz vor meinem 16. Geburtstag habe ich aufgehört Fleisch zu essen und darauf innerhalb von 3 Monaten total zugenommen, da ich mich hauptsächlich von Nudeln ernährt habe. Dementsprechend habe ich mich wieder unwohler mit meinem Körper gefühlt und verlor immer mehr meines Selbstbewusstseins. Zu meinem 17. Geburtstag habe ich mir dann das 10-Wochen-Abnehm-Programm „Size Zero“ gewünscht.

Knallhart durchgezogen und 8 Kilo abgenommen. Ok, ich war wieder etwas zufriedener, aber noch lange nicht zufrieden und das, obwohl ich-rückblickend gesehen-mittlerweile wirklich erschreckend dünn war. Dumm nur, dass ich immernoch gerne gegessen habe und nicht so ganz wusste, wie ich dieses Gewicht jetzt halten soll, ohne den Rest meines Lebens Low-Carb zu essen und 5 mal die Woche Sport zu treiben.
Die vermeintliche Lösung: IIFYM (If it fits your macros)
Das habe ich etwa 2 Monate durchgezogen und dadurch noch etwas mehr Gewicht verloren. Dann kam Weihnachten und ich habe mir vorgenommen, ausnahmsweise nicht so streng zu mir zu sein und dafür im neuen Jahr wieder voll diszipliniert auf meine Ernährung zu achten. Haha. Eher nicht.

Ab diesem Zeitpunkt konnte ich einfach nicht mehr aufhören zu essen. Ich hatte das Gefühl, komplett die Kontrolle über meinen Körper verloren zu haben. Das ging so weit, dass ich mehrmals die Woche Essanfälle hatte, bei denen ich wirklich krasse Mengen an Essen verschlungen habe. Heimlich natürlich. Denn nach außen musste ja meine Fassade gewahrt werden. Immerhin haben mich immer noch alle für meine Disziplin bewundert.
Das traurige ist, dass genau diese „Disziplin“ mir die Lebensfreude genommen hat. Ich hatte irgendwann gar keine Lust mehr, mit Freunden Essen zu gehen oder mit meiner Familie zu feiern, da ich es nicht vernünftig geschafft habe, mich mit dem Essen auseinanderzusetzen. Es gab nur „ganz oder garnicht“ Wenn ich mir erlaubt habe, Kuchen zu essen, wollte mein Körper nicht nur ein Stück, sondern gleich 5 und am besten dann zu Hause, wenn ich allein bin, nochmal 2 Packungen Kekse, eine Packung Eis, ein paar Nutella-Erdnussbutter-Marmeladen-Brötchen und dazwischen noch ein paar deftig belegte. Wahrscheinlich war es meistens sogar mehr. Schwer zu sagen, denn klar denken konnte ich in solchen Situationen nicht mehr. Denn relativ schnell war der Punkt erreicht, an dem ich mir dachte „Jetzt ist es eh schon egal“

Ich denke, man kann sich denken, wie schnell mein hart erarbeiteter „Traumkörper“ wieder genauso aussah wie vorher. Er hat sich alles zurückgeholt und noch einiges mehr, wahrscheinlich, um für die nächste Hungersnot gewappnet zu sein.

Etwa ein halbes Jahr, nachdem die Essanfälle begonnen hatten, habe ich beschlossen, dass es so nicht weitergehen kann und angefangen, mich regelmäßig zu erbrechen. Denn da war mir klar, die Essanfälle bekomme ich nicht in den Griff. Dann muss ich wenigstens irgendwie gegensteuern. Welcome Bulimia.

See it as a try

Wow, es ist irgendwie creepy diesen ersten Eintrag zu schreiben, weil man sich fühlt, als würde man sich in einem leeren Raum vorstellen.

Daher fasse ich mich kurz. Ich bin ein normales, ok vielleicht nicht ganz so normales, Mädchen, das seit 2 Jahren mit Bulimie zu kämpfen hat.

Ich starte diesen Blog eigentlich für mich. Mir erscheinen in den letzten Monaten einfach so unglaublich viele Gedanken rund um dieses Thema, das ich sie einfach mal verschriftlichen möchte, um für mich selbst eine Struktur in dieses Gedankenchaos zu bringen . Das kann ich natürlich auch für mich alleine machen und es nicht veröffentlichen, aber in dieser Form besteht wenigstens eine kleine Chance, dass ich mit meinem „Tagebuch“ jemandem mit ähnlichen Problemen helfen kann.

Dann würde ich mal sagen,

Let’s get started 🙂